Leads sind da – aber sie bewegen sich nicht weiter
„Wir generieren Leads. Aber sie bewegen sich nicht weiter.“
Diesen Satz höre ich erstaunlich oft. Meist nicht vom Marketing, sondern vom Vertrieb oder der Geschäftsführung. Die Kampagnen laufen, Whitepaper werden heruntergeladen, die Leadzahlen sehen solide aus. Und trotzdem entsteht keine planbare Pipeline.
Vor einiger Zeit saß ich mit dem Geschäftsführer eines Softwareunternehmens zusammen. Stolz zeigte er mir die Zahlen: über 1.000 neue Leads im Jahr. Dann kam der entscheidende Satz: „Frank, aber daraus entstehen vielleicht zehn ernsthafte Gespräche.“
Das Problem war nicht die Leadmenge. Das Problem war die fehlende Bewegung.
Warum Leads stehenbleiben
In vielen Unternehmen endet Leadgenerierung mit dem Formular. Ein Kontakt wird ins CRM übertragen, vielleicht einmal angerufen – und wenn kein unmittelbarer Bedarf vorhanden ist, verschwindet er in einer Liste.
Doch genau hier beginnt das Missverständnis: B2B-Leads sind selten sofort kaufbereit. Studien zeigen, dass B2B-Entscheider oft bereits weit im Kaufprozess fortgeschritten sind, bevor sie erstmals mit einem Anbieter sprechen — laut einer Untersuchung von Gartner haben B2B-Käufer im Durchschnitt bereits etwa 57 % ihres Kaufprozesses abgeschlossen, bevor sie erstmals mit einem Anbieter in Kontakt treten (Quelle: Gartner, The Digital Evolution in B2B Marketing). Wer in dieser Phase nicht strukturiert begleitet, verliert Relevanz – selbst wenn der Lead ursprünglich gut war.
Ein Lead ist nicht schlecht, nur weil er noch nicht kaufen will. Er ist früh.
Das eigentliche Problem ist strukturell
Wenn Leads sich nicht weiterentwickeln, liegt das meist nicht an der Kampagne, sondern an der Architektur.
Ich erlebe regelmäßig drei strukturelle Ursachen:
Erstens: Es gibt keine klar definierte Leadqualität. Marketing und Vertrieb arbeiten mit unterschiedlichen Erwartungen. Marketing misst Downloads und Cost-per-Lead. Vertrieb misst Opportunities und Abschlüsse. Wenn nicht gemeinsam definiert ist, wann ein Lead marketingqualifiziert (MQL) und wann er vertriebsqualifiziert (SQL) ist, entsteht Frust – auf beiden Seiten.
MQL vs. SQL – Was ist der Unterschied?
Ein Marketing Qualified Lead (MQL) ist ein Kontakt, der auf Basis definierter Kriterien als marketingseitig qualifiziert gilt. Das bedeutet, dass dieser Lead ein erkennbares Interesse an bestimmten Themen oder Lösungen gezeigt hat – etwa durch Downloads, Webinar-Teilnahmen oder wiederholte Interaktionen mit relevanten Inhalten. Ein MQL signalisiert grundsätzliches Interesse, befindet sich jedoch häufig noch in einer frühen oder mittleren Phase des Entscheidungsprozesses.
Ein Sales Qualified Lead (SQL) hingegen ist ein Lead, der zusätzlich zur inhaltlichen Relevanz auch vertriebliche Kriterien erfüllt. Dazu zählen beispielsweise konkreter Bedarf, Budgetverfügbarkeit, Entscheidungsbefugnis oder ein klarer Projektzeitrahmen. Ein SQL wird an den Vertrieb übergeben, weil eine realistische Abschlusswahrscheinlichkeit besteht.
Der entscheidende Unterschied liegt somit nicht in der Person, sondern im Reifegrad des Bedarfs. Während der MQL ein potenziell interessierter Kontakt ist, ist der SQL ein konkret entwickelter Verkaufsfall. Eine klare, gemeinsam definierte Abgrenzung zwischen MQL und SQL ist eine zentrale Voraussetzung für funktionierende Leadprozesse und vermeidet typische Konflikte zwischen Marketing und Vertrieb.
Zweitens: Es fehlt ein systematischer Nurturing-Prozess. Ein Newsletter ist kein Lead Nurturing. Leads brauchen abgestufte Inhalte entlang ihrer Entscheidungsphase, thematische Segmentierung und messbares Engagement. Ohne Struktur bleibt der Lead statisch.
Drittens: Es gibt keine Transparenz über Engagement. In vielen CRM-Systemen liegen tausende Kontakte. Doch niemand weiß genau, wer sich aktuell intensiv mit welchen Themen beschäftigt. Ohne Priorisierung arbeitet der Vertrieb reaktiv statt strategisch.
Ein Blick auf die Zahlen bestätigt diese strukturelle Lücke: Laut dem MarketingSherpa Lead Generation Benchmark Report konvertieren rund 79 % aller Marketing-Leads nicht in Verkäufe, wenn keine systematische Weiterentwicklung erfolgt (Quelle: MarketingSherpa). Das heißt: Nur etwa 21 % der Kontakte werden überhaupt zu einer Opportunity weiterentwickelt – und auch diese müssen noch qualifiziert werden.
In solchen Situationen wird schnell gesagt: „Unsere Leads taugen nichts.“ In Wahrheit fehlt meist nur das System.
Was Studien eindeutig zeigen
Die Praxis wird durch Daten gestützt. Eine Analyse von Forrester Research zeigt, dass Unternehmen mit strukturiertem Lead Nurturing bis zu 50 % mehr vertriebsreife Leads generieren – und das bei gleichzeitig deutlich geringeren Kosten (Quelle: Forrester Research).
Das bedeutet: Nicht die Leadmenge entscheidet über Pipeline, sondern die Entwicklung.
Ein Praxisbeispiel aus der IT-Branche
Ein IT-Dienstleister, mit dem wir gearbeitet haben, generierte konstant Leads über Whitepaper und Webinare. Die Zahlen waren stabil, die Kampagnen funktionierten. Dennoch blieb der Vertrieb unzufrieden.
Im ersten Gespräch fiel der Satz: „Unsere Leads sind nicht reif.“
Die Analyse zeigte jedoch etwas anderes: Es gab keine klare MQL-Definition, keine Segmentierung nach Interessenschwerpunkten und keinen strukturierten Entwicklungsprozess. Leads wurden entweder sofort kontaktiert – oder gar nicht mehr.
Nach Einführung einer klaren Leadarchitektur mit definierten Qualitätskriterien, strukturiertem Nurturing und transparenter Übergabe an den Vertrieb stieg nicht die Leadmenge, sondern die Abschlussquote. Und vor allem: Die interne Diskussion wurde sachlicher.
Das ist der Unterschied zwischen Aktivität und System.
Drei Schritte, um Leads in Bewegung zu bringen
Wenn Sie merken, dass Leads stagnieren, sollten Sie drei Dinge prüfen.
Erstens: Definieren Sie gemeinsam mit dem Vertrieb, wann ein Lead wirklich qualifiziert ist. Ohne gemeinsame Qualitätskriterien bleibt jede Bewertung subjektiv.
Zweitens: Segmentieren Sie Ihre Leads nach Themeninteresse und Phase im Entscheidungsprozess. Nicht jeder Kontakt steht am gleichen Punkt.
Drittens: Etablieren Sie ein strukturiertes Lead-Nurturing-Framework. Leads brauchen kontinuierliche, relevante Impulse – nicht nur vereinzelte Kampagnen. Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, einen 24 Monats-Funnel zu konzipieren?
Bewegung entsteht nicht zufällig. Sie entsteht durch Architektur.
Fazit: Leads brauchen Struktur, keine Aktionismus
Leads sind in vielen Unternehmen vorhanden. Bewegung entsteht jedoch nur dort, wo Struktur existiert. Wer Leadgenerierung als isolierte Maßnahme betrachtet, erzeugt kurzfristige Peaks. Wer sie als System versteht, baut planbare Pipeline.
Leadgenerierung ist kein Kampagnen-Thema. Sie ist ein Architektur-Thema.
Wenn Sie wissen möchten, wie eine solche Leadarchitektur konkret für Ihr Unternehmen aussehen kann oder wie man einen 24 Monate Funnel baut, lassen Sie uns darüber sprechen. In einem strukturierten Strategiegespräch analysieren wir gemeinsam, wo Ihre Leads heute stehen – und wie sie sich systematisch weiterentwickeln lassen.
Über den Autor
Frank Mühlenbeck ist Unternehmer und Experte für systematische B2B-Leadgenerierung. Als Geschäftsführer von Digital Diamant und Betreiber von Digitalmagazinen wie contentmanager.de, cyberriskmanager.de und erp-magazin.de verantwortet er jährlich über 12.000 qualifizierte B2B-Leads. Sein Schwerpunkt liegt auf dem Aufbau skalierbarer Leadarchitekturen, die Marketing und Vertrieb strukturiert verbinden.